Nach drei eigentlich schönen Fahrtagen sind wir wieder zuhause. Wir hätten uns in Spanien nicht erholen können nach alle dem, was gerade geschieht. In Spanien wären wir wohl auf dem Campingplatz festgesetzt worden, wir haben aber von anderen Reisenden gehört, dass auch Campingplätze geräumt wurden. Durch die Grenzen sind wir gerade noch mal durchgeschlüpft… So sind wir ziemlich unlustig nach 4.000 km mit dem Auto und Luise wieder in den St.-Verena-Weg eingebogen, waren aber froh, dass alles gut gegangen ist. Erst auf der Konstanzer Rheinbrücke hat uns mal ein Polizist gefragt, woher wir gekommen sind und ob wir in Risikogebieten waren.
Wir werden uns bei euch melden, wenn wir wieder aufbrechen!
Tja, es mag euch so vorkommen, aber leider ist auch hier im paradiesischen Südspanien unsere Freude nicht ganz ungetrübt. Neben uns thront das Küstendorf Mojacar wie jeden Tag in der Sonne, aber die Nachrichten von überall her berühren uns natürlich genauso wie euch alle. Heute wurden außerdem alle schon genehmigten Dienstreisen von Unimitarbeitern wieder gestrichen und ich muss nun mit der Uni verhandeln, was in unserem Fall zu unternehmen ist. Spanien wird sicherlich sehr bald drastisch auf Covid19 reagieren, weil hier die Fallzahlen besonders im Norden und in Madrid weiterhin exponentiell wachsen (in der Provinz Almeria gibt es bislang nur 3 Fälle und wir finden, dass so ein Campingplatz eigentlich ein ganz guter Ort ist, um sich nicht anzustecken…). Kann aber sein, dass wir bald zurückkommen müssen, kann aber auch sein, dass wir hierbleiben müssen. Wir versuchen es möglichst gelassen zu nehmen und einfach jeden Tag hier zu genießen. Heute war es so warm, dass ich einen Ausflug im Kajak aufs Meer gewagt habe, ansonsten haben wir die leeren Strände und die schöne Natur genossen. Kulturstätten werden wir in den nächsten Wochen wohl nicht anschauen. Schade! Granada, Alhambra, Almeria, Malaga…
Das stammt von Hella, einer Teilnehmerin unseres Meditationsleiterkurses.
Unser zweiter Tag auf dem Campingplatz El Quinto neigt sich seinem Ende zu – äußerlich sind wir angekommen, stehen wir doch seit gestern auf einer Parzelle, die „Luise“ und dem Vorzelt genug Raum bietet und darüber hinaus auch Tisch und Stühlen unter freiem Himmel Platz gibt. Seit heute haben wir sogar einen Windschutz, weil uns der gestrige starke kühle Wind gehörig Respekt gemacht hat. Die kraftvolle Sonne und die frische Brise haben es überhaupt in sich und wir sind laufend dabei, uns kleidungstechnisch anzupassen. Innerlich vollzieht sich das Ankommen langsamer, Schritt für Schritt gelingt es, den Alltag hinter uns zu lassen und dabei hilft uns, dass sich unsere große Reise erst einmal schlicht wie Urlaub anfühlt. Außerdem relativiert sich unsere Auszeit-Länge im Gespräch mit den neuen Nachbarn (wir senken ja den Altersdurchschnitt auf dem Campingplatz erheblich) – da sind die Karlsruher, die ein ganzes Jahr unterwegs sind, sie als Grundschullehrerin, die sich schon mehrfach ihr Sabbatical erarbeitet hat und er als selbständiger Handwerker, der auch nach der Pause garantiert wieder genug Aufträge bekommt. Und all die anderen, die nach einem langen Arbeitsleben hier fast das ganze Jahr verbringen oder die netten Holländer, die seit 3-1/2 Jahren gar kein festes Zuhause mehr haben, sondern im großen komfortablen Wohnwagen ihre bewegliche Heimstatt haben. Sie fliegen nur nach Holland, um ihre Eltern und Freunde zu besuchen. Die freundliche Holländerin hat mich übrigens darauf aufmerksam gemacht, dass wir nicht nur im Schatten von herrlich gelb blühenden Mimosenbäumen stehen, sondern auch umgebenvon Pfefferbäumen sind. Heute Abend gab es zum leckeren Curry selbstgepflückte feine Pfefferkörner.
Mojacar, das Dorf in der Nachbarschaft
Zur Eingewöhnung und zum Neu-an-einem-Ort-Sein gehört auch, dass man Fehler macht und das haben wir heute Nachmittag gleich mehrfach: am Nachmittag sind wir zu einem Spaziergang in der direkten Umgebung aufgebrochen. Eingedenk der windigen Erfahrungen gestern bei unserem Besuch im Bergstädtchen, wo wir den Windschatten der Mauern aufsuchen mussten, um nicht davongepustet zu werden, war es uns selbstverständlich, eine wärmere zweite Schicht mitzunehmen. Also auf zu einem schönen Rundweg durch die grünen und doch so karstigen Hügel um uns herum. Die Offline-Karte „Maps.me“ zeigte uns den Weg und der war wunderschön: Wärmer als gedacht, der Blick herrlich weit, blühend die Pflanzen am Wegesrand, sogar Wasser fand sich für Tammo, der bald zu hecheln angefangen hatte. Ihr ahnt sicher, was kommt: Maps.me kennt viel mehr Wege wie Google-Maps, sogar die allerkleinsten, das ist ein großer Vorteil, der sich im gleichen Atemzug in einen gewaltigen Nachteil verkehrt, wenn diese kleinen Wege nicht mehr wirklich vorhanden sind. Zunächst störten wir uns noch nicht daran, dass der Pfad schmaler und schmaler wurde, der Himmel war blau, der Durst hielt sich in Grenzen (Fehler Nr.2 – wir hatten kein Wasser dabei) und die Landschaft war einfach berauschend. Irgendwann verlor sich aber auch dieser enge Tritt durch Ginster, hohe weiche Büsche und stachelige Gewächse, die Kratzspuren auf Beinen und Armen hinterließen (Oliver vermisste lange Hosen und ich das festere Schuhwerk). Die Karte auf Olivers Handy hatte zwar meist noch einen Hinweis für uns, aber es wurde doch herausfordernd.
Zuerst noch wunderschön und landschaftlich berauschend…… dann zunehmend unwegsamer
Ein weiterer Fehler stellte sich heraus, als wir drei mitten im Nirgendwo an der steilen Hügelflanke den Unmut zweier großer Hunde erregten. Unterhalb lag ihr Hof und Bewegungen oberhalb ihres Gebietes waren sie sicherlich nur von wilden Ziegengewöhnt, nicht aber von Wanderern noch dazu mit eigenem Hund. Sie verbellten uns kräftig und machten Anstalten uns vertreiben zu wollen – trotz der 50 Höhenmeter zwischen uns. Tammo hatte nichts Besseres zu tunals auch seinen Senf dazuzugeben und wir waren wirklich froh, dass er nach eindringlichem „Leise!“ den Ernst der Lage erkannte und still war. Wir erstarrten, wie es sonst nur die Rehe tun, und sandten ein Stoßgebet zum Himmel – die Hunde drehten schließlich ab. Ganz leise zogen wir weiter über Stock und Stein.
Das nächste Mal würde uns ein kräftiger Wanderstab (Oliver: besser eine Machete…) und eine Handvoll Hundekekse (als bestechende Ablenkung für die Angreifer) etwas wehrhafter machen. Schließlich wurde der Weg wieder mehr zu etwas, was auch diese Bezeichnung verdiente – nur um vor einem verschlossenen Tor zu enden. Mein Ansinnen, das Schild, das uns auf Privatgrund hinwies, zu ignorieren und über das Gitter zu klettern oder uns unter dem Tor durchzuquetschen, fand keine Zustimmung bei Oliver. Er wollte nicht noch mehr potentielle Wachhunde verärgern…. Beim Versuch, doch noch zum nahen Sträßchen zu gelangen, gerieten wir dann plötzlich doch innerhalb eines Gartens und unversehens fanden wir unsauf der Innenseite eines weiteren verschlossenen Tores, was prompt einen nächsten Hund („el perro“ übrigens) auf den Plan rief. Aber erstens wirkte er trotz Anschlagens freundlich und zweitens war sein Herrchen in der Nähe und dieser verlaufene Wanderer ganz offenbar gewöhnt. Er versicherte uns, dass wir nicht die einzigen wären, die sich ungewollt auf seinem Grundstück wiederfanden, öffnete uns freundlich seine Türen und entliess uns auf eine schmale, gepflasterte Straße. Geschafft und dankbar für so viel Freundlichkeit! Der Rest war ein Kinderspiel, das Abendessen schmeckte uns dreien vorzüglich. Auf der nächsten Wanderung allerdings ist ein Rucksack dabei mit Wasser, Notgroschen, ausreichend Akkuladung für die Handys, Windjacke und ein paar Keksen für alle – und eine gehörige Portion Skepsis dem Kartenmaterial gegenüber sowieso.
Wie gut, wenn Irr/ Wege schlussendlich doch ans Ziel führen – und man wieder und neu an-kommt…
„Yo escribo“ – ich schreibe. So habe ich es eben auf Spanisch bei Duolingo gelernt. „Ich schreibe einen Blog“ soweit bin ich dort noch nicht und das ist auch auf Deutsch absolutes Neuland für mich. Naja, jedes Abenteuer beginnt mit einem ersten Schritt und Übung macht die Meisterin. Ich hoffe es jedenfalls für unsere liebe Leserschaft. Unser Abenteuer „212tagewoanders“ begann vor zwei Tagen um 10.00 Uhr morgens mit unserem Aufbruch gen Süden. Oder am 14.Februar als Oliver unseren Wohnwagen, genannt Luise, aus dem Winterquartier holte? Oder im letzten Sommer als Oliver und ich unseren Sommerurlaub in und mit Luise so durchweg genossen haben und entschieden, dass wir uns dieses rollende Zuhause auch für länger vorstellen können? Oder am 11.Mai letzten Jahres als uns der Kauf unserer 3 Jahre alten und schwäbisch sagenhaft ordentlich behandelten Luise so kribbelig glücklich gemacht hat? Oder gar im Jahr 2016 als wir auf La Gomera 125 Jahre Maria & Oliver gefeiert haben (50+50+25gemeinsame) und dabei überlegten, wann das nächste Forschungssemester ansteht und ob wir es erstmalig – dann den vordergründigen Elternpflichten entbunden – so richtig auskosten würden?
Wie dem auch sei, irgendwann hat es angefangen allen Fragen, Zweifeln und Corona-Sorgen zum Trotz und dank riesengroßer Vorfreude, ein wenig Blauäugigkeit (tatsächlich sind sie braun) und Neugier und tiefer Dankbarkeit über unsere Möglichkeiten. Die Schweiz hat dabei von Anfang an für Entschleunigung gesorgt, sind dort doch für Fahrzeuge mit Hänger 80 Stundenkilometer vorgeschrieben, was Oliver zunächst wie Stillstand vorkam, aber meinem langsameren Fahrstil sehr entgegenkommt. Luise eventuell auch – konnte sie sich doch an die 1714 kg Zuglast erst einmal wieder gewöhnen. Ja, wir sind 86 kg unter unserem Gewichtslimit geblieben, das heißt sogar noch einiges mehr, weil wir auch die zulässige Nutzlast für unser Auto nicht ausgeschöpft haben. Also bleibt noch Platz für Wein und Steine….. oder einen Gast.
Bevor ich mich wieder ganz dem Schauen widme – gerade fahren wir in der Gegend von Murcia durch schier grenzenlose Weite – schreibe ich noch von der Be-Schleunigung, die wir erfahren in den drei Tagen unserer Reise: wir sind vom Winter mit der Vorfreude auf sein Ende (und Karlsruhe und Freiburg sind Konstanz da auch dieses Jahr wieder mindestens 2 Wochen voraus), in den Frühling katapultiert worden, haben in Frankreich die ersten Obstbaumblüten bestaunt, um heute durch Frühsommer zu fahren und nach Valencia in schier israelische Verhältnisse mit erntebereiten Orangenplantagen und silbrigen Olivenhainen zu kommen. Die rosa Flächen blühender Mandelbäume sind hier schon wieder Zeichen kühlerer Lokalgegebenheiten.
Unser erstes Quartier in Aix-les-Bains
Bei so starker Entschleunigung und Beschleunigung und bis jetzt (halb fünf am Donnerstag nachmittag) 1818km fern der Heimat braucht es Pausen, ganz besonders nächtliche. Deshalb noch ein paar Worte zu unseren Übernachtungen. Bewusst hatten wir uns unabhängig von Campingplätzen gemacht und zwei mal ein Bed&Breakfast ausgesucht. Im französischen Drumettaz-Clarafond in der Nähe von Aix-les-Bains in den Savoyen haben wir in einem kleinen Château genächtigt („Château du Donjon“ für die, die es genau wissen wollen und bei Gelegenheit einen Zwischenstopp mit jahrhundertelanger Geschichte bevorzugen – und guter Matratze) und am Mittwoch morgen allerfeinste Croissants genossen.
Die Bio-Farm mit dem unmöglichen Eingang…
Morgenstimmung kurz nach Sonnenaufgang
Die spanische Bio – Chilli – Farm in der Nähe von Tarragona, die sich im Internet sehr nett, wenn auch nicht perfekt als Pension darstellt, hat uns das Ankommen dagegen am zweiten Abend sehr schwer gemacht. Und das nach einem Fahrtag von 800km, der zwar gut, aber doch sehr anstrengend gewesen ist und uns zu dem Versprechen uns selbst gegenüber veranlasste, nur im Notfall wieder eine solch lange Strecke an einem Tag zurückzulegen.
Ja, das Ankommen war deshalb schwierig, weil das 20 Hektar große Anwesen mehrere alte Zugänge hatte, von denen nur einer für Luise breit genug war, die Mitarbeiter nicht telefonisch erreichbar waren und wir auf der Suche nach dem Tor in immer enger werdenden Sträßchen schließlich steckengeblieben sind. Es dämmerte schon, zurück ging es nicht und voran auch nicht, der einzige buchstäbliche Ausweg um eine enge Kurve und eine steile Straße hinunter. Meine Nerven lagen blank, aber Oliver war fast die Ruhe selbst und Dank Mover (kleine, sehr starke ferngesteuerte Elektromotoren, mit deren Hilfe man Wohnwagen bewegen kann) gelang es uns der Enge zu entkommen. Anschließend kam auch ein Kontakt mit den Chillimen zustande und zu guter letzt mussten wir doch nicht am Straßenrand übernachten, sondern schliefen fernab vom Straßenlärm in tiefer Stille unserem dritten Reisetag entgegen. Ganz so war es leider nicht – die Hunde der Farm nahmen ihren Job sehr ernst und mischten unsere Träume durch ihr Bellen gehörig auf. Dennoch machten wir uns mit neuer Kraft auf den Weg durch das herrliche spanische Hügelland.
Und warum Oliver nur fast die Ruhe selbst war? Naja, er plädiert dafür, daß nächste Mal ein schnödes Hotel mit großem Parkplatz zu nehmen, gut ausgeschildert und mit 24h-Rezeption.