Ankommen

Unser zweiter Tag auf dem Campingplatz El Quinto neigt sich seinem Ende zu – äußerlich sind wir angekommen, stehen wir doch seit gestern auf einer Parzelle, die „Luise“ und dem Vorzelt genug Raum bietet und darüber hinaus auch Tisch und Stühlen unter freiem Himmel Platz gibt. Seit heute haben wir sogar einen Windschutz, weil uns der gestrige starke kühle Wind gehörig Respekt gemacht hat. Die kraftvolle Sonne und die frische Brise haben es überhaupt in sich und wir sind laufend dabei, uns kleidungstechnisch anzupassen. Innerlich vollzieht sich das Ankommen langsamer, Schritt für Schritt gelingt es, den Alltag hinter uns zu lassen und dabei hilft uns, dass sich unsere große Reise erst einmal schlicht wie Urlaub anfühlt. Außerdem relativiert sich unsere Auszeit-Länge im Gespräch mit den neuen Nachbarn (wir senken ja den Altersdurchschnitt auf dem Campingplatz erheblich) – da sind die Karlsruher, die ein ganzes Jahr unterwegs sind, sie als Grundschullehrerin, die sich schon mehrfach ihr Sabbatical erarbeitet hat und er als selbständiger Handwerker, der auch nach der Pause garantiert wieder genug Aufträge bekommt. Und all die anderen, die nach einem langen Arbeitsleben hier fast das ganze Jahr verbringen oder die netten Holländer, die seit 3-1/2 Jahren gar kein festes Zuhause mehr haben, sondern im großen komfortablen Wohnwagen ihre bewegliche Heimstatt haben. Sie fliegen nur nach Holland, um ihre Eltern und Freunde zu besuchen. Die freundliche Holländerin hat mich übrigens darauf aufmerksam gemacht,  dass wir nicht nur im Schatten von herrlich gelb blühenden Mimosenbäumen stehen, sondern auch umgebenvon Pfefferbäumen sind. Heute Abend gab es zum leckeren Curry selbstgepflückte feine Pfefferkörner.

Mojacar, das Dorf in der Nachbarschaft

Zur Eingewöhnung und zum Neu-an-einem-Ort-Sein gehört  auch, dass man Fehler macht und das haben wir heute Nachmittag gleich mehrfach: am Nachmittag sind wir  zu einem Spaziergang in der direkten Umgebung aufgebrochen. Eingedenk der windigen Erfahrungen gestern bei unserem Besuch im Bergstädtchen, wo wir den Windschatten der Mauern aufsuchen mussten, um nicht davongepustet zu werden, war es uns selbstverständlich, eine wärmere zweite Schicht mitzunehmen. Also auf zu einem schönen Rundweg durch die grünen und doch so karstigen Hügel um uns herum. Die Offline-Karte „Maps.me“ zeigte uns den Weg und der war wunderschön:
Wärmer als gedacht, der Blick herrlich weit, blühend die Pflanzen am Wegesrand, sogar Wasser fand sich für Tammo, der bald zu hecheln angefangen hatte. Ihr ahnt sicher, was kommt: Maps.me kennt viel mehr Wege wie Google-Maps, sogar die allerkleinsten, das ist ein großer Vorteil, der sich im gleichen Atemzug in einen gewaltigen Nachteil verkehrt, wenn diese kleinen Wege nicht mehr wirklich vorhanden sind. Zunächst störten wir uns noch nicht daran, dass der Pfad schmaler und schmaler wurde, der Himmel war blau, der Durst hielt sich in Grenzen (Fehler Nr.2 – wir hatten kein Wasser dabei) und die Landschaft war einfach berauschend. Irgendwann verlor sich aber auch dieser enge Tritt durch Ginster, hohe weiche Büsche und stachelige Gewächse, die Kratzspuren auf Beinen und Armen hinterließen (Oliver vermisste lange Hosen und ich das festere Schuhwerk). Die Karte auf Olivers Handy hatte zwar meist noch einen Hinweis für uns, aber es wurde doch herausfordernd.

Zuerst noch wunderschön und landschaftlich berauschend…
… dann zunehmend unwegsamer

Ein weiterer Fehler stellte sich heraus, als wir drei mitten im Nirgendwo an der steilen Hügelflanke den Unmut  zweier großer Hunde erregten. Unterhalb lag ihr Hof und Bewegungen oberhalb ihres Gebietes waren sie sicherlich nur von wilden Ziegengewöhnt, nicht aber von Wanderern noch dazu mit eigenem Hund. Sie verbellten uns kräftig und machten Anstalten uns vertreiben zu wollen – trotz der 50 Höhenmeter zwischen uns. Tammo hatte nichts Besseres zu tunals auch seinen Senf dazuzugeben und wir waren wirklich froh, dass er nach eindringlichem „Leise!“ den Ernst der Lage erkannte und still war. Wir erstarrten, wie es sonst nur die Rehe tun, und sandten ein Stoßgebet zum Himmel – die Hunde drehten schließlich ab. Ganz leise zogen wir weiter über Stock und Stein. 

Das nächste Mal würde uns ein kräftiger Wanderstab (Oliver: besser eine Machete…) und eine Handvoll Hundekekse (als bestechende Ablenkung für die Angreifer) etwas wehrhafter machen. Schließlich wurde der Weg wieder mehr zu etwas, was auch diese Bezeichnung verdiente – nur um vor einem verschlossenen Tor zu enden. Mein Ansinnen, das Schild, das uns auf  Privatgrund hinwies, zu ignorieren und über das Gitter zu klettern oder uns unter dem Tor durchzuquetschen, fand keine Zustimmung bei Oliver. Er wollte nicht noch mehr potentielle Wachhunde verärgern…. Beim Versuch, doch noch zum nahen Sträßchen zu gelangen, gerieten wir dann plötzlich doch innerhalb eines Gartens und unversehens fanden wir unsauf der Innenseite eines weiteren verschlossenen Tores, was prompt einen nächsten Hund („el perro“ übrigens) auf den Plan rief. Aber erstens wirkte er trotz Anschlagens freundlich und zweitens war sein Herrchen in der Nähe und dieser verlaufene Wanderer ganz offenbar gewöhnt. Er versicherte uns, dass wir nicht die einzigen wären, die sich ungewollt auf seinem Grundstück wiederfanden, öffnete uns freundlich seine Türen und entliess uns auf eine schmale, gepflasterte Straße. Geschafft und dankbar für so viel Freundlichkeit! Der Rest war ein Kinderspiel, das Abendessen schmeckte uns dreien vorzüglich. Auf der nächsten Wanderung allerdings ist ein Rucksack dabei mit Wasser, Notgroschen, ausreichend Akkuladung für die Handys, Windjacke und ein paar Keksen für alle – und eine gehörige Portion Skepsis dem Kartenmaterial gegenüber sowieso.

Wie gut, wenn Irr/ Wege schlussendlich doch ans Ziel führen – und man wieder und neu an-kommt…

2 Gedanken zu “Ankommen

  1. Avatar von Britta Britta schreibt:

    Wie schön ihr es dort habt, zumindest lassen dies die Bilder erahnen… und noch viel schöner zu lesen wie ihr ankommt und so viel erlebt. Ich kann nur wiederholen: genießt ALLES!!!

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  2. Avatar von Claudia Claudia schreibt:

    Hallo zusammen, das liest sich ja nach einem spannenden Start. Die Umgebung sieht toll aus und mit frischem selbst gepflückten Pfeffer zu kochen war bestimmt eine Geschmacksexplosion. Genießt die Welt mit allen Sinnen! Ich bin gespannt, wie es weiter geht!
    P.S. In solchen Gegenden habe ich ganz gute Erfahrungen mit Komoot gemacht. Da sind Wander- und Radwege drin. Ihr könnt es ja mal ansehen, vielleicht ist das interessant für Euch.

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